Das letzte Kind trägt Fell
Ende Juni hat „Tiere suchen ein Zuhause” ein Porträt über Toffi gezeigt. Ich saß beim Zuschauen auf dem Sofa neben genau diesem Hund und habe verstanden, wie viel sich in sechs Jahren verschoben hat. Vor allem in mir.
Wer mich vor sieben Jahren nach Hunden gefragt hätte, hätte eine Antwort bekommen, die ich heute nur noch mit einer gewissen Demut zitiere: Die trotteln doch immer nur hinterher, kommt mir nicht ins Haus. Ich war Katzenmensch, aus Überzeugung. Katzen haben Charakter, dachte ich, Katzen haben einen eigenen Kopf. Was Hunde haben, wusste ich nicht, weil ich mich nie mit ihnen beschäftigt hatte.
Dann kam Corona und viel Zeit und irgendwann stand Jenny mit einem Satz im Raum, der harmloser klang, als er war: „Lass doch mal gucken.”
Ein Flugzeug aus Zypern
Wir haben geguckt. Bei einer Organisation, die Straßenhunde aus Zypern vermittelt, sahen wir eine junge Hündin, neun Monate alt. Sie sollte mit ihren zwei Geschwistern ertränkt werden und war in letzter Minute in einem Shelter gelandet. Uns war wichtig, dass unser Hund aus dem Tierschutz kommt, dass da eine kleine Seele gerettet wird.
Das ist jetzt genau sechs Jahre her. Ich weiß noch, wie wir die Tage gezählt haben bis zu dem Moment, an dem ihr Flugzeug in Deutschland landete. Wie man auf etwas wartet, von dem man noch gar nicht weiß, wie sehr es einen verändern wird. Aus dem Gucken wurde Toffi. Aus dem Katzenmenschen wurde ich.
Ein Fernsehteam im Haus
Als die Anfrage von „Tiere suchen ein Zuhause” kam, habe ich schneller zugesagt, als ich nachgedacht habe. Die Aufregung kam beim Dreh, und sie galt nicht mir. Ich stehe seit dreißig Jahren vor Mikrofonen und Kameras, das macht mir nichts mehr. Aber Toffi schuldet dem WDR gar nichts. Würde sie mitspielen, wenn ein Team mit Kamera und Erwartungen durch unser Haus zieht? Die Antwort war so einfach wie vorhersehbar: Sie hat gemacht, was sie immer macht, nämlich genau das, wonach ihr gerade ist. Und weil das Team klug genug war, ihr dabei einfach zuzusehen, ist daraus ein Film geworden, der sie zeigt, wie sie ist.
Was bleibt, was heilt
Der Film zeigt auch, ohne es auszustellen: Manche Dinge heilen nicht. Bei großen, breitschultrigen Männern wird Toffi bis heute unruhig. Wasser ist für sie keine Erfrischung, sondern eine böse Erinnerung. Geduscht wird also nicht, und ich kann berichten, dass sie trotzdem erstaunlich gut riecht.
Dafür hat sie sich ihr eigenes Reich erobert. In Jennys Büro führt sie die Geschäfte, entscheidet über Zutritt und Postboten und weiß sehr genau, in welcher Schreibtischschublade welches Leckerli auf sie wartet. Herrchen und Frauchen achten inzwischen weniger auf ihre Erziehung als auf ihre Figur. Wenn ich sie da liegen sehe, mitten in ihrem Königreich, denke ich manchmal an die neun Monate alte Hündin, die niemand wollte. Und daran, was aus ihr geworden ist, weil jemand sie aus dem Wasser geholt hat.
Was sie mit mir gemacht hat
Beim Zuschauen ist mir aufgefallen, wie selbstverständlich all das geworden ist, und wie wenig selbstverständlich es eigentlich ist. Dieser Hund hat Jennys und mein Leben umgebaut, leise und gründlich. Ich bin weicher geworden, das lässt sich nicht anders sagen. Ich kuschele, und seit es einen Hund dafür gibt, darf ich das sogar öffentlich zugeben.
Dass man ein Wesen, mit dem man kein einziges Wort wechseln kann, so bedingungslos lieben kann, hätte ich für ein Gerücht gehalten. Inzwischen weiß ich: Sie merkt, wenn es mir nicht gut geht. Sie legt dann ihren Kopf irgendwo an mich und bleibt. Sie hat Vibes dafür. Und nein, das bilde ich mir nicht ein.
Bei uns gibt es dafür einen Satz, und je länger ich mit Toffi lebe, desto wahrer wird er: Das letzte Kind trägt Fell.
Und dann kamt ihr
Nach der Ausstrahlung kam , womit ich nicht gerechnet hatte. So viele Nachrichten, so viel Zuneigung, so viele Geschichten von euren eigenen Tieren habe ich noch nie bekommen. Ich habe abends auf dem Sofa gesessen und eure Kommentare gelesen, einen nach dem anderen, und war ziemlich gerührt. Offenbar sitzen in sehr vielen Wohnzimmern in NRW letzte Kinder mit Fell.
Toffi soll eine schöne Zeit haben auf dieser Erde. Das ist der ganze Plan.
Bisher läuft es ganz gut!
Toffi im TV
https://www1.wdr.de/fernsehen/tiere-suchen-ein-zuhause/zuhause-gefunden-toffi-100.html